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17.9.2019 : 9:10 : +0000

„Heil dir im Siegerkranz“ – Lübbenau im Kaiserreich

von Gabriela Müller

„Zu Beginn des 20. Jahrhunderts regierte im Deutschen Reich Kaiser Wilhelm II., der zugleich König von Preußen war. Brandenburg war eine Provinz Preußens und in die Regierungsbezirke Potsdam und Frankfurt/Oder gegliedert. Lübbenau gehörte zum Kreis Calau, der wiederum dem Regierungsbezirk Frankfurt/Oder unterstand. Das Besondere dieses Kreises war der Gegensatz zwischen dem Nord- und Südteil. Im Norden lebte man von der Landwirtschaft, verdingte sich darüber hinaus im Tourismus, im Handwerk und im Handel. Ganz anders im Süden. Angelockt von der Braunkohle, die in zahlreichen Gruben rund um Senftenberg gefördert wurde, hatten sich dort auch andere Industriezweige, wie etwa die Glas- oder Ziegelindustrie, angesiedelt – und mit ihnen die Arbeitskräfte. „

„Deutschland, Deutschland über alles“ – Lübbenau in der Weimarer Republik

„Noch am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann die Republik aus und zwei Stunden später Karl Liebknecht die Sozialistische Republik. Verwirrung, Zerren an der Macht, Uneinigkeit in den Zielen und Zersplitterung der politischen Kräfte also von Anfang an. Was die Mehrheit in diesen Tagen vor allem wollte, war Frieden. Dieser wurde von Matthias Erzberger besiegelt, der am 11. November für Deutschland den Waffenstillstandsvertrag unterzeichnete. Damit war ein Krieg zu Ende, der über 10 Millionen Menschenleben gefordert hatte. Unter den Gefallenen waren 135 Lübbenauer, 23 Boblitzer, 8 Klessower, 11 Lehder, 12 Stennewitzer, 9 Stottoffer, 20 Leiper und 1 Redlitzer.“

„Am 12. November wurde auch Lübbenau von der revolutionären Welle erfasst und nach einer friedlichen Demonstration der erste Arbeiter- und Soldatenrat der Stadt gewählt. Die Geschicke Lübbenaus lagen künftig in den Händen von August Belaschk, Gustav Lehmann, Adolf Reis, Albert Muckasch, Otto Fritsch…“

„...über alles in der Welt“ – Lübbenau im Nationalsozialismus

„Mit der Zeit des Nationalsozialismus begann ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte – die Schattenseite des 20. Jahrhunderts. Aber schon Goethe wusste, dass dort, wo ein Schatten fällt, immer auch Licht vorhanden sein muss. Es gab also beides: das Licht und den Schatten – den Schatten und das Licht. Während die Weimarer Republik im Schatten der Weltwirtschaftskrise unterging, wurde Hitler am 30. Januar 1933 von Paul Hindenburg zum Reichskanzler ernannt.“

„Um Macht und Einfluss der Partei zu sichern, wurde ganz Deutschland mit einem Netz aus Blocks und Zellen der NSDAP überzogen, das mit den Jahren immer engmaschiger wurde. Gab es 1933 in Lübbenau nur 5 Blocks, waren es 1942 schon 5 Zellen und 25 Blocks. Derart organisiert, blieb kein Lebensbereich vom neuen Geist unberührt. Mit dem Slogan „Keine Arbeitsstelle ohne Nazizelle!“, drang man in den Arbeitsbereich..“

„Auferstanden aus Ruinen“ – Lübbenau in der Nachkriegszeit

„In Europa schwiegen die Waffen. Deutschland war besiegt, befreit, besetzt – die Großmannsträume hatten eine Blutspur rund um den Globus gezogen und lagen unter den Trümmern deutscher Städte begraben. Der Weg in die Zukunft war ungewiss.“

„Obwohl Volkes Wille längst zum Spielball der Supermächte geworden war und Deutschland zu ihrer Arena, kam es in vielen Städten zu Kundgebungen und Demonstrationen. Auch in Lübbenau gingen im September etwa 1 200 Bürger gegen die Spaltung ihres Landes auf die Straße. Nachdem alle Einheitsbestrebungen nicht fruchteten, wurde am Freitag, dem 7. Oktober 1949 um 12 Uhr mit der Tagung des 2. Volksrates die Geburtsstunde der DDR eingeleitet. Aus dem Volksrat konstituierte sich eine provisorische Volkskammer, die die Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) in Kraft setzte und Otto Grotewohl mit der Regierungsbildung beauftragte. „

„Und der Zukunft zugewandt“ – Lübbenau auf dem Weg zum Sozialismus

„Als die DDR aus der Taufe gehoben wurde, um im Licht der Weltöffentlichkeit einen Platz einzunehmen, Bundeskanzler Adenauer gegen die Staatsgründung protestierte und die Westmächte dem zweiten deutschen Staat schlicht die diplomatische Anerkennung verweigerten, wurden in vielen Städten der jungen Republik – so auch in Lübbenau – Kundgebungen abgehalten. Dabei war der Jubel nicht ungeteilt.“

„Der einst mit Worten beschworene „Eiserne Vorhang“ wurde betoniert. Auch die Stadt Lübbenau, die von 1953 bis zum Mauerbau etwa 1 100 Bewohner verloren hatte, war nun weitgehend davor gefeit, noch mehr Einwohner zu verlieren. Aber um welchen Preis? Sah man nicht, dass durch den Mauerbau Familienbande zerschnitten wurden?“

„Lass uns dir zum Guten dienen“ – Lübbenau zwischen Mauerbau und Mauerfall

„Als die Grenze geschlossen war, gab es für all jene, die mit dem System der DDR haderten oder mit dem Wohlstand der BRD liebäugelten, kein Entrinnen mehr. Während es wirtschaftlich zunächst bergauf ging, fand innerhalb der Gesellschaft ein Generationswechsel statt. Die erste Nachkriegsgeneration wurde erwachsen und begann das vom Kriegserlebnis geprägte Weltbild und Wertesystem der Elterngeneration auf den Gehalt abzuklopfen.“

„Um 23.14 Uhr öffnete die Grenzpolizei den Schlagbaum an der Bornholmer Straße, die Menge strömte in den Westteil der Stadt, regelrechte Volksfeststimmung entstand. Der „Eiserne Vorhang“ war gehoben. Seit seiner Zementierung im August 1961 waren etwa 570 Bewohner der Spreewaldstadt Lübbenau durch ihn hindurch geschlüpft, wovon 112 Personen im allgemeinen Flüchtlingsstrom seit August 1989 mitgeschwommen waren.

„Deutschland einig Vaterland“ – Lübbenau – eine Stadt in der BRD

„Zu dieser Zeit war die Bevölkerung so frei wie nie. Die alten Funktionäre hatten ihre Autorität verloren, neue gab es noch nicht. Während man in der DDR noch damit befasst war, sich politisch neu zu formieren, sich auch in Lübbenau Anfang November eine Gruppe des Neuen Forum gegründet hatte, um nach einem „dritten Weg“ für das Land zu suchen, hatten andere längst eine Schneise frei geschlagen, die aufzeigte, in welcher Richtung man am bequemsten und schnellsten vorwärts käme.“

„Sie konnten noch kein Patentrezept aus dem Ärmel zaubern, das sich auf eine einprägsame Formel reduzieren ließ. Nach dem Verzicht der SED auf ihre Führungsrolle brachten sich die Bürgerrechtsbewegungen gemeinsam mit anderen Parteien und Verbänden am zentralen „Runden Tisch“ ein, der im Februar 1990 acht Minister in die „Regierung der nationalen Verantwortung“ entsandte. Auch in Lübbenau fanden sich Vertreter der Parteien, Organisationen, Bürgerbewegungen und Kirchen zu einem „Runden Tisch“ zusammen, der zwischen dem 29. Januar und 23. April in vierzehntägigem Rhythmus tagte.“

„Für einen Augenblick flackerte die Erkenntnis auf, dass der Fortschritt, der im 20. Jahrhundert auf dem Gebiet der Kommunikationsmedien gemacht worden war, den Menschen mittlerweile in die Abhängigkeit dieser Medien manövriert hatte. Je öfter man gedanklich schon in der Zukunft weilte und je näher das neue Jahrtausend kam, desto mehr verlor das 20. Jahrhundert an Lebendigkeit, bis es schließlich zur Geschichte erstarrte. Um dieses Jahrhundert dennoch lebendig zu erhalten, müssen wir seine Geschichte erzählen – oder wie Goethe es ausdrückte: „Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt.“